Zwischen Himmel und Hölle

Es war schon ein seltsames Gefühl, das erste Mal seit 214 Tagen von meiner Frau und meinem Sohn getrennt zu sein. Und auch wenn ich mich total auf das gefreut habe, was vor mir lag, galten meine ersten Gedanken des Tages ausschließlich meiner Familie. Was würden sie wohl die nächsten Tage machen? Wird Liam seinen Papa vermissen? Und wie schön wird erst der Moment sein, wenn ich beide wieder in den Arm nehmen kann!

Zwischen diesen ersten Gedanken und der Wiederkehr, sollte aber eine der anstrengendsten Unternehmungen liegen, die ich jemals in meinem Leben gemacht habe.

Es ist Dienstagmorgen, kurz vor 8 Uhr. Die Sonne ist über Antigua aufgegangen und wärmt langsam die Luft des in einem Kessel von Vulkanen umgebenen Ortes. Der Bus, der mich eigentlich um kurz nach 7 abholen sollte, erscheint mit guatemaltekischer Pünktlichkeit. 

Ich bin der Letzte der zusteigt. Unsere Wandergruppe ist somit komplett und wir werden zunächst zum Büro des Reiseveranstalters gefahren. Auf dem Weg dorthin höre ich eine mir vertraute Sprache – Norddeutsch – die Konversation dürfte also sehr angenehm und einfach werden.

Beim Reisebüro angekommen, haben wir die Möglichkeit, gegen ein kleines Entgelt Handschuhe, Wanderstöcke und Winterjacken zu ergattern, die so dermaßen häßlich sind, dass sie nur ein Hamburger Hipster tragen würde. Obwohl ich eigentlich den Eindruck habe, was Bekleidung angeht, relativ gut ausgestattet zu sein, überzeugt mich die Tatsache, dass sich wirklich jeder eine Jacke nimmt, ebenfalls zuzuschlagen. Man weiss ja nie…

Mit fünf Litern Wasser, einem Liter Energydrink und unzähligen Müsliriegeln im Rucksack bin ich startklar für unsere heutige Tagesetappe: die ersten 1600 Höhenmeter auf dem Weg zum Gipfel vom Acatenango, dem zweithöchsten Vulkan Guatemalas! 

In nur vier Stunden sollten wir also von 2000 auf 3600 Metern dieses erloschenen Riesen „klettern“. So redselig wir zu Beginn auch sind, es wurde ganz schnell weniger. Denn schon die ersten Meter hatten es in sich. In einem leichten Anstieg liefen wir mehrere hundert Meter durch eine sandige, in den Boden gelaufene Schlucht und mussten im wahrsten Sinne des Wortes Staub schlucken. Alle 20 Minuten machten wir eine kleine Verschnaufpause und mein Wasservorrat schrumpfte so schnell, dass ich – wer hätte gedacht, dass es hier oben sowas gibt – an einer Tienda (Kiosk) meinen Vorrat wieder aufstocken musste.

Schweißgebadet von der Anstrengung und der hochstehenden Sonne fängt irgendwann jeder Schritt an, weh zu tun. An dem mitgeführten Wanderstock versucht man so gut es geht, sich den Berg hochzuziehen, um die tonnenschwer gewordenen Oberschenkel irgendwie zu entlasten. Den Herzschlag spürt man bis in den Kopf und die Gedanken kreisen ausschließlich darum, wie man den einen Fuß vor den anderen bekommt. Nur noch bis zur Kurve, dann wird es wieder flacher! – redet man sich ein. Sowieso ist 90% der Arbeit mentaler Natur. Der Rest ist Kraft – und die gegenseitige Motivation durch die anderen Teilnehmer.

Jeder läuft sein eigenes Tempo. Leute, die ein Wettrennen hieraus machen, gibt es natürlich auch. Umso schöner ist es, wenn man sich an den Pausenpunkten wiedertrifft, abklatscht und wieder ein kleines Teilstück hinter sich gebracht hat.

Das mit zunehmender Höhe die Luft dünner und die Sonnenstrahlung intensiver wird, bekomme ich zu spüren. Aufgrund von Erzählungen lag der Fokus von Rike und mir beim Erstellen der Packliste eher auf den Schutz vor der Kälte und dem Wind auf 3600 Metern Höhe, als auf den Schutz vor der Sonne. Mütze und Sonnenspray wurde also vergessen und als ich mir Letzteres von einem anderen Teilnehmer ausgeliehen hatte, war es auch schon zu spät und ich um den Sonnenbrand meines Lebens reicher. Die Auswirkungen der Höhe machten sich bei mir in Form von leichten Kopfschmerzen und einem schummrigen Gefühl bemerkbar. Da mich dieses Gefühl mit dem Großteil meiner Mitstreiter einte, entschied ich mich den Zustand zu beobachten aber sonst nichts weiter zu unternehmen.

Über Ursachen und Folgen der nicht zu unterschätzenden und unter Umständen lebensgefährlichen Höhenkrankheit wurden wir zu keinem Zeitpunkt aufgeklärt, lediglich Kopfschmerztabletten lagen für den Fall der Fälle parat.

Kurz bevor wir unser Etappenziel auf 3600 Metern Höhe erreichten, konnten wir vor der letzten Kurve aufsteigenden Rauch sehen. Würde man sonst seit Mexiko davon ausgehen, dass hier mal wieder illegal Müll verbrannt wird, ist es diesmal der aktive Vulkan El Fuego („Das Feuer“), der gerade in diesem Moment Rauchschwaden hoch in den Himmel schießt! Live, direkt vor unseren Augen, nur wenige Kilometer von uns entfernt!

Unser Nachtlager bestand aus diversen 3-Mann-Zelten. Alle dicht an dicht nebeneinander in einer Linie aufgebaut, mit einer zusätzlichen Plane überworfen, um dem eisigen Wind, der hier nach Sonnenuntergang weht, Einhalt zu gewähren. In der Mitte eine überdachte Feuerstelle, an der von den Guides „gekocht“ und sich aufgewärmt wurde. Weiter außen ein Plumpsklo, von rostigem Wellblech als Sichtschutz umgeben.

Mit Erreichen des Nachtlagers fiel das Adrenalin ab und wurde von Endorphinen abgelöst. Geschafft! Wir sind auf 3600 Höhenmetern! Noch nicht am Endziel, aber der größte Teil liegt hinter uns. Glücklich, müde und erschöpft werfen wir die Rucksäcke in die Zelte und uns selber auf den Allerwertesten – mit Logenplatz auf den 213 Meter niedrigeren El Fuego, dem aktivsten Vulkan auf dem amerikanischen Doppelkontinent!

Ca. alle 10 Minuten speit dieser Asche- und Rauchwolken. Wir können uns gar nicht satt sehen an diesem Naturphänomen, welches gelegentlich noch von einem lauten Donnern begleitet wird, welches an einen einschlagenden Blitz erinnert.

Zum Sonnenuntergang laufen wir nochmal ein paar hundert Meter weiter um den Acatenango in westlicher Richtung. Zwar ist es in der Ferne leicht bewölkt, jedoch hat die Tatsache, dass wir uns über den Wolken befinden, seinen eigenen Charme. Wie die Sonne langsam in eine Wolkendecke eintaucht, sieht man sonst auch nur aus dem Flugzeug auf einem Nachtflug. Es war also ein ganz besonderer Abschluss des ersten Tages. 

Wenn, ja wenn da nicht dieser benachbarte Vulkan wäre. Denn was uns tagsüber aufgrund des Sonnenlichtes verwehrt geblieben war, wurde mit Einbruch der Dunkelheit ersichtlich: El Fuego macht seinem angsteinflößendem Namen alle Ehre! Denn neben Asche und Rauch ist jetzt vor allem eines zu sehen: Lava! Mit jeder kleinen Eruption werden glühende Lavabrocken bis zu hundert Meter hoch in die Luft geschleudert, um dann den Hang hinunterrollend langsam zu erlöschen. Das ist mit Abstand das imposanteste Naturereignis, welches ich jemals zu Gesicht bekommen habe.

Nach dem Abendessen und Marshmallows am Lagerfeuer, fallen wir alle in unsere Schlafsäcke auf einer für den Kiesboden viel zu dünnen Isomatte. Der Schlaf verlief also recht unruhig. Nicht nur, weil es ein wenig unbequem war, sondern auch, weil ich mit Fremden im Zelt immer das Bedürfnis habe, mich so wenig es geht zu bewegen, um ein Rascheln des Schlafsacks zu verhindern.

Pünktlich um vier Uhr wurden wir in absoluter Dunkelheit geweckt. Dieses mal hätte ich mir eher die guatemaltekische Pünktlichkeit gewünscht, welche ich von meiner Abholung gewohnt war. Doch an Tag zwei gab es die letzten 400 Höhenmeter zu absolvieren und auch die, hatten es wieder in sich.

Ohne Frühstück, ohne Gespräche zwischen den Teilnehmern, quasi im Halbschlaf, stampften wir los. Wer hatte, knipste seine Stirnlampe an. Denn da der Mond eher sichelförmig erschien, schied er als Lichtquelle leider aus. Sofort nahm die Steigung rapide zu, was aber nicht das größte Problem darstellte. Denn der Untergrund bestand aus losem, tiefem Schotter und es fühlte sich so an, als würde man eine gigantische Sanddüne hochlaufen. Gefühlt machte man einen Schritt nach vorne und rutschte dabei zwei wieder zurück. 

Was eher unmotivierend klingt, weckte trotz leerem Magen und Müdigkeit den Eifer in mir. Denn ich war gepusht von dem Gefühl, das Ziel ganz knapp vor Augen zu haben. Um kurz nach fünf Uhr war es dann so weit: der Gipfel des Acatenango war erreicht! Erschöpft setzten wir uns auf das kalte Geröll des Vulkans und warteten auf unser nächstes Highlight, den Sonnenaufgang. Mit fortschreitender Zeit sammelten sich immer mehr Reisegruppen hier oben und da um diese nächtliche Zeit noch ein eisiger Wind wehte, konnte auch ich meine Hamburger Hipsterjacke als Schutz vor diesem sehr gut gebrauchen.

Mit aufgehender Sonne kehrte so langsam wieder die Wärme und ja, es wirkte ein wenig so, auch das Leben in uns zurück. Man wurde wieder redseliger, blickte auf die absolvierte Leistung zurück und hatte zugleich größten Respekt vor dem, was noch vor uns liegen sollte: den vermutlich nicht weniger anstrengenden Abstieg.

Doch um 5:42 Uhr spielte all das für einen kleinen Moment keine Rolle. Über uns befand sich der von der Sonne erhellte, gelb-orange leuchtende Himmel. Unter uns, da wurde er wieder sichtbar, der Krater des El Fuego. Die Hölle auf Erden, welche immer noch unermüdlich Asche und Rauch ausspuckte. Dazwischen waren wir – zwischen Himmel und Hölle!

Nachwort:

Meine liebe Frau,

ich möchte diesen Bericht dafür nutzen, Dir zu danken. Denn, dass ich dieses Abenteuer alleine antreten durfte, ist keine Selbstverständlichkeit! Dass die Tour für Liam aufgrund der Höhe und zusätzlichen Anstrengung für uns nicht machbar gewesen wäre, darüber waren wir uns beide einig. Umso größer ist mein Dank, dass du selbstlos für mich zurückgesteckt und mir so ein ganz besonderes Erlebnis ermöglicht hast. Ich liebe dich!