Tiberon Ballena

„Der Weg ist das Ziel!“ Wie passend, trifft es doch bei einem Roadtrip ganz besonders zu.

Denn, die Herausforderung Alltag in immer neuer Umgebung zu meistern, auftretende Probleme zu lösen und sich ganz nebenbei an schönen Landschaften und fremden Kulturen zu erfreuen, das macht einen Roadtrip ganz automatisch zu einem Abenteuer. 

Doch auch hier stellen sich nach kurzer Zeit Routinen und Marotten ein. Auch hier kann man unter Umständen in einen Alltagstrott verfallen. Denn irgendwann ist es der x-te schöne Strand, an dem man wieder wild gecampt hat. Irgendwann ist es die x-te faszinierende Mayastätte, von welcher Pyramide man den Blick über den Dschungel genießt. Irgendwann ist man dermaßen gesättigt von so vielen Eindrücken, dass die eigene Kapazitätsgrenze erreicht ist, man das Gesehene nicht mehr richtig zu schätzen weiß. 

Um das zu verhindern gibt es zwei Lösungsansätze. Zum Einen sollte man von Zeit zu Zeit einfach mal länger an einem Ort verweilen. Die gesammelten Eindrücke sacken lassen und ihnen Zeit geben, sich einzuordnen. Wieder hungrig auf mehr werden und sich in Details verlieben.

Der zweite Lösungsansatz sind die sogenannten i-Tüpfelchen oder Highlights, die wir einfach von Zeit zu Zeit brauchen. Ob Snowmobil fahren auf einem Gletscher in Island, aus einem Unterwasserkäfig weiße Haie vor der Küste Südafrikas beobachten oder in einem Heißluftballon über der Namibwüste dem Sonnenaufgang entgegenfahren. Es sind diese Momente, an die man im Nachhinein zurückdenkt, die eine Reise ganz besonders werden lassen. Die Kirsche auf der Sahne, die einem ein Lächeln ins Gesicht zaubert, wenn man wie ein kleines Kind aufgeregt davon berichtet.

Wie an diesem Freitag im Dezember des vergangenen Jahres.

Von Freunden bekamen wir einen vielversprechenden Kontakt ans Herz gelegt. Diesen anzurufen, war der erste Schritt. Doch kennt ihr das, wenn man etwas schon so lange machen wollte und dann kurz vorher, vor Aufregung und einer gehörigen Portion Respekt, zu zögern beginnt? Sollen wir ihn wirklich so früh Morgens anrufen, vielleicht haben wir anderswo auch noch die Chance dazu… Wie geht das denn mit Liam und was, wenn es vielleicht gar nicht erfolgreich sein wird. Im Grunde alles Ausreden und Ausdruck einer von Unwissenheit gepaarten Vorfreude.

Drei Stunden später befinden wir uns mit Benjamin, unserem Guide, und einem Bootsführer, auf einem kleinen Kahn und schippern mit nur ein paar Knoten vor der Küste von La Paz im Golf von Kalifornien umher. Die Sonne scheint, das Meer ist ruhig, beste Bedingungen also. 

Ausgerüstet mit einem kurzärmeligem Neoprenanzug, in welchen man sich zuvor gezwängt hat, die Flossen an den Füßen und die Taucherbrille mit Schnorchel auf der Stirn, sitzen wir auf der Reling und warten auf das Kommando von Benjamin.

Die Spannung steigt, jeden Moment kann es losgehen. Will ich das wirklich, hoffentlich mache ich nichts verkehrt. Gedanken schießen einen durch den Kopf! Muss man sich doch eigentlich nur strikt an die Anweisungen des Guides halten: Nicht wild mit den Armen herumfuchteln, nicht queren, genügend Abstand halten und vor allem, nicht berühren! Es klingt so einfach, man nickt, aber die Aufregung steigt weiter an.

Plötzlich geht es los! Schnell wird die Taucherbrille ins Gesicht gezogen und der Schnorchel im Mund platziert. Schon folgt der beherzte Sprung mit den Flossen voran ins kühle Nass. Hinzu kommt das ungewohnte Atmen durch den Schnorchel. Die ersten Sekunden im Wasser gehören ganz der Konzentration auf die Atmung. Einatmen, ausatmen. Ok, funktioniert! Das Wasser hätte man sich kälter vorgestellt, der Neoprenanzug leistet ganze Arbeit. Sitzt die Brille richtig? Zeit zum Justieren bleibt nicht. So wird einem der, nennen wir es mal Bart, doch zum Verhängnis. Bei Rike läuft es besser 😉 

Schon fast ein wenig streng fordert Benjamin uns auf, nahe bei ihm zu bleiben und ihm zu folgen. In wenigen Sekunden wird es soweit sein! Selber sieht man nichts als vom Winde angetriebene, kleine oberflächliche Wellen. Head down! Wir senken den Kopf unter Wasser und starren für einen Moment in die endlose Leere des Meeres. Bis…ja bis langsam ein immer größer werdender dunkler Schatten direkt auf uns zukommt. Wie in Totenstarre treiben wir nahezu regungslos im Wasser und beobachten, wie aus dem Schatten langsam eine Kontur wird. Wie auf dem Dunklen langsam helle Punkte zu erkennen sind. Wie war das nochmal mit nicht queren und nicht berühren? 

Mit der Hand wird uns die Richtung gedeutet, in welche wir neben unserem Guide schwimmen sollen. Während wir nach links sehen wird, nur zwei Meter neben uns, das ganze Ausmaß des faszinierenden Geschöpfes ersichtlich: ein sieben Meter großer Walhai! Tiberon Ballena auf Spanisch. 

Durch die Taucherbrille und der Lichtbrechung des Wassers wirkt es beinahe so, als würden wir gleich die riesige Schwanzflosse berühren. Zeitgleich beeinflussen beim ersten „Kennenlernen“ verschiedene Faktoren das Erlebnis. Neben dem zügigen Schwimmen ist es vor allem die fortwährende Konzentration auf die Atmung durch den Schnorchel und die Taucherbrille, in welcher sich langsam aber stetig das Salzwasser sammelt. 

Doch wir werden mit jedem Mal besser. Mit zunehmender Handlungssicherheit lenken wir den Fokus von uns auf den Walhai und kommen bei der fünften und letzten Begegnung sogar in den Genuss, diesen gentle Giant ganze zwanzig Meter auf seinem Weg begleiten zu dürfen. Als wären wir gar nicht da, zieht er seine Bahnen und verschwindet genauso schnell, wie er gekommen ist: Als großer dunkler Schatten im endlosen Blau des Meeres.

Es war schon lange ein Traum von uns, mit einem Walhai zu Schwimmen und wir hatten gewisse Vorstellungen, wie es werden wird. Aber dank Benjamin und seinem schier unendlichem Wissen, wurden diese bei Weitem übertroffen!

Und wie wir hier von einem unserer i-Tüpfelchen berichten, zaubert es uns wieder ein Lächeln ins Gesicht. War es für uns doch so, als würden wir diesen Moment noch einmal durchleben.