Familienzeit

Knapp ein Jahr ist Liam jetzt bei uns und für uns ist es der passende Moment, um ein Zwischenfazit darüber zu ziehen, wie es ist, mit einem Baby die Welt zu bereisen.

Bevor Liam auf der Welt war, haben viele zu uns gesagt, dass sich unser Leben komplett ändern würde. Wir haben das zunächst lächelnd abgetan und gedacht: ja klar, wir haben dann ein Kind. Hier und da ein paar Abstriche machen. Aber das sich unser Leben komplett ändern würde… Das Reisen, eine unserer großen Leidenschaften – unser Traum, die Panamericana zu befahren, den müssten wir erstmal in eine Schublade stecken und könnten ihn eventuell im reifen Alter wieder rauskramen. Wenn überhaupt….

Und wir müssen zugeben, mit einem Kind ändert sich tatsächlich alles. Aber eines eben nicht – dieses verflixte Fernweh.

Darum haben wir viel über das Thema Reisen mit Baby nachgedacht und sind zu dem Fazit gekommen: Reisen mit Kind ist eigentlich kein Problem! Man muss nur die Initiative ergreifen und sich trauen. 

Denn einfacher wird Kindererziehung auf Reisen ganz bestimmt nicht. Sind es doch zwei wesentliche Faktoren, die unterwegs schlichtweg nicht vorhanden sind. 

Zum Einen ist es die vertraute Heimat. Ein zu Hause, in dem man jede Ecke und damit auch jede potentielle Gefahr für sein Kind kennt. Aber auch ein Ort, an dem man weiß, wo man seinen Kinderarzt, seinen Supermarkt und seine Freizeiteinrichtungen findet. 

Zum Anderen sind es die Familie, Freunde und liebe Mitmenschen, die sich darum reißen würden, Liam mal für ein Wochenende bei sich zu haben und uns als Eltern dadurch auch mal eine Auszeit ermöglichen.

Was für andere Eltern also ganz selbstverständlich ist, ist auf Reisen eine Herausforderung für sich. Denn nahezu täglich muss sich aufs neue orientiert werden. Wo bekommen wir Windeln her, wo werden wir heute schlafen und wo können wir die schmutzigen Boddies und Lätzchen waschen.

Obwohl sich die Welt um Liam herum ständig verändert, ist es für ihn nichts Schlimmes und ein Ortswechsel wirft ihn nicht aus der Bahn. Ganz im Gegenteil, er ist sehr offen für neue Erfahrungen, von der Nahrung bis zu anderen Erlebnissen. Denn die wesentlichen Dinge bleiben gleich. Die Nähe zu uns etwa, das Bett in dem er abends einschläft und morgens wieder aufwacht, unser Auto. Und das ist für uns ein ganz wichtiger Punkt.

Hierbei spielt uns in die Karten, dass ein Baby in dem Alter noch nicht anspruchsvoll ist. Liam will weder in den Freizeitpark, noch findet er Museen langweilig. Er will nur das, was er überall in der Welt wollen würde: schlafen, essen und bei Mama und Papa sein. Ob das nun in Seattle, Las Vegas oder Wilhelmshaven ist, spielt für ihn keine Rolle. Wir denken, dass aus diesem Grund reisen in der Elternzeit mit Baby sogar einfacher ist, als später.

Ein weiterer Vorteil für das Reisen mit Baby ist, dass ein Kind in dem Alter kaum Kosten verursacht. Liam zahlt nirgends Eintritt, kann auf dem Schoß der Eltern kostenfrei fliegen und isst unser Essen einfach mit. Da er unterstützend gestillt wird, entfallen so Kosten für spezielle Babynahrung.

Und ja, zugegebener Maßen macht uns Liam auch vieles einfacher. Dem grimmigen Grenzbeamten entlockt er plötzlich ein kleines Lächeln, mit Einheimischen kommt man sofort in Kontakt und ist die Lancha (kleines Taxi-Motorboot) mal voll, so wird uns ein Platz freigemacht.

Das mit Abstand Schönste auf diesem Abenteuer ist jedoch, dabei zusehen zu können, wie Liam langsam aber stetig seine Erfahrungsschatzkiste füllt. Im Olympic Nationalpark in den USA kam mit knapp fünf Monaten der erste Zahn. Mit 7 Monaten krabbelte er die ersten Meter durch das klimatisierte Besucherzentrum des Death Valley. In Playa del Carmen lief er kurz darauf seine ersten Schritte an unseren Händen, in Belize dann ganz alleine. Auf Caye Caulker jagte er Tauben, in El Tunco Hühner. Am Strand von Santa Barbara spielte er zum ersten Mal im Sand, in Guatemala badete er in den Fluten eines warmen Wasserfalls. Wir sind unglaublich froh, keinen seiner Schritte verpasst oder sie „nur“ von Erzählungen nach einem anstrengenden Arbeitstag mitbekommen zu haben.

Und was hat Liam eigentlich von der Reise?

Auch wenn sich Liam später nicht mehr an diese Reise erinnern wird, hat er während unserer gemeinsamen Reise viel davon. Nämlich viel von uns und unserer Aufmerksamkeit. 

Mama und Papa sind beide rund um die Uhr, 24/7 für ihn da. Ist ihm lieber nach Toben und Quatsch machen, so ist Papa erste Wahl. Für Kuscheln und Trösten wird Mama bevorzugt. Er hat stets die Wahl, welch ein Luxus – auch für uns. Denn wir können uns so perfekt ergänzen. Wenn einer nicht weiter weiss, steht der andere parat. Alles kann direkt miteinander kommuniziert werden. Im Alltag daheim würden wir vermutlich nicht so viel Familienzeit miteinander verbringen wie auf Reisen. Das schweißt uns alle zusammen.

Auch glauben wir, dass die vielen neuen Eindrücke und der Kontakt zu den Einheimischen seiner Entwicklung gut tun. Geht es uns gut – Reisen ist eine unserer Leidenschaften – so überträgt sich die positive Stimmung auf Liam. Sind wir total geflasht von einer tollen Landschaft oder schönen Unternehmung, so bekommt er das mit und wirkt von unserer Stimmung wie angefixt.

Die Leute in Zentralamerika strahlen bis hinter beide Ohren, wenn sie den kleinen blonden blauäugigen Jungen tapsig laufen sehen. Sie fühlen sich von ihm wie angezogen, werfen ihm ein Lächeln und Küsse zu. Und was macht Liam? Er ist diese Art von Begegnung mit anderen Menschen gewohnt, lächelt mit seinen acht Zähnen zurück und hat überhaupt kein Problem damit, von fremden Menschen auf den Arm genommen zu werden. 

Was in Deutschland ein No-go wäre, ist für uns hier kein Problem. Ist es doch Teil der Kultur, dass Kinder und Familie einen Wert an sich bedeuten. Dennoch halten wir dabei stets Blickkontakt zu Liam, um im Falle von Unbehagen seinerseits schnell eingreifen zu können.

Die Gelegenheit, als Familie in Ruhe zusammenzuwachsen, ist auf Reisen also mit spannenden Erlebnissen und Erfahrungen verbunden und ein guter Alltagstest für zu Hause.

Zugegeben: Wir reisen anders als früher. Aber nicht weniger gerne. Und egal wo wir sind, Liam wirkt immer so, als hätte er auch etwas von der Reise. Als könnten Reisen nicht nur etwas für Erwachsene, sondern auch für Kinder sein.