Ein Lebenszeichen!

Ich glaube wir sind schon gut in der Welt umhergekommen und haben viele Abenteuer dabei erlebt. Wir sind mit einem Heißluftballon über der Namib Wüste dem Sonnenaufgang entgegengefahren, waren mit weißen Haien im kalten Wasser vor Südafrika und sind mit dem Skimobil über die Gletscher Islands gefahren.

Ob sieben Wochen durch Indien und Sri Lanka oder fünf Wochen im südlichen Afrika. Wir wollen stets raus in die Welt. Natur und Kulturen erleben. Und darum schlummerte da seit langem dieser Traum in uns. Mal über die Grenzen des verfügbaren Jahresurlaubes hinaus unterwegs zu sein, Reisen zu unserem Alltag werden zu lassen. Die Panamericana zu fahren und dabei keinen zeitlichen Druck zu spüren. Einfach von heute auf morgen schauen, ganz frei und ungebunden.

Jetzt, wo wir schon ein paar Monate on the Road sind, müssen wir ehrlich sagen, dass Vorstellung und Realität nicht wirklich deckungsgleich sind. Wir haben uns in den letzten zwei drei Wochen in einem emotionalem Reisetief befunden. Die Gründe dafür sind vielfältig. 

Zum Einen ist Mitte Dezember die Kupplung von unserem Defender gebrochen und der Austausch mit der beauftragten Werkstatt war mehr als nervenaufreibend. Die notwendigen Ersatzteile konnten nicht beschafft werden, das falsche Getriebeöl wollte man uns andrehen und die Zuverlässigkeit unseres Ansprechpartners… „Mexiko halt“, so zumindest wurde es uns gesagt. Klar wäre es naiv zu denken, wir fahren 40.000 Kilometer durch Amerika ohne auch nur eine Panne zu haben. Aber dann gleich sowas?!?

Zum Anderen durften wir im Januar für drei Wochen eine wunderschöne Air-BnB Wohnung unser eigen nennen und uns aufgrund des auf einmal dagewesenen Überangebotes an Platz fühlen wie die Könige. Das Bett, zwei Meter breit. Das Badezimmer, mit Regendusche. Der Kühlschrank, riesengroß. Was so normal klingt, ist für uns Luxus. Sind wir doch sonst in unserer mobilen 5 Quadratmeter Maisonettewohnung zu Hause. 

Hinzu kommt, dass wir in dieser Zeit Besuch von der Familie bekommen und uns in den drei Wochen wieder so fest aneinander gewöhnt haben, dass der erneute Abschied umso schwerer fiel.

Zurück auf der Straße sind wir gleich am ersten Tag an einer Tankstelle im Nirgendwo gestrandet. Unsere Tankanzeige war im roten Bereich, was leider auch für die Dieseltanks der Zapfsäulen galt.

Wir sehnen uns nach zu Hause. Nach diesem Überangebot an Platz, wo man sich einfach ausbreiten und fallenlassen kann, ohne Angst haben zu müssen, von einer Armee Ameisen zerbissen zu werden. Nach all den lieben Menschen, unseren Familien und Freunden. Nach etwas Vertrautem und mehr Sicherheit – vielleicht auch nach einem Alltag, der leichter zu organisieren ist. Deutschland ist wunderbar. Alles ist so einfach. Und wenn etwas mal nicht so läuft, dann sind daran meist unsere eigenen Ansprüche schuld! Wir meckern ja schon, wenn die S-Bahn mal drei Minuten Verspätung hat. Hier in Guatemala ist man froh, wenn die Bahn überhaupt fährt.

Jetzt könnte man behaupten, dass hätten wir uns doch auch alles vorher denken können. Ja, stimmt zum Teil. Wir hatten eine ungefähre Vorstellung wie es sein wird, mit einem Baby zu reisen. Aber welche Faktoren dann wirklich die Gewichtigen sind, dass erfährt man erst, wenn man eine ganze Weile unterwegs ist.

Das besagte Reisetief liegt jetzt ein paar Tage zurück. Es ist nicht wirklich besorgniserregend, sondern wir glauben es ist auf einer Langzeitreise ganz normal. Man schwebt keine zwanzig Monate auf Wolke sieben, besteigt nicht jeden Tag einen aktiven Vulkan oder schwimmt mit Walhaien durch türkisblaues Wasser. Das könnte auch kein normaler Mensch verarbeiten. Heimweh ist im Grunde doch etwas Positives. Man hat seine vertraute Basis, auf die man sich freut und die man durch den Abstand richtig wertzuschätzen lernt.

Viel haben wir in den letzten Tagen über eine frühzeitige Rückkehr nachgedacht. Wie toll es wird, sich in unserer Komfortzone ein neues zu Hause aufzubauen, all die lieben Menschen um uns zu haben. Und ja, das wird klasse. Irgendwann…

Denn, wir sind nicht hierhergekommen, um einen normalen Alltag zu haben. Reisen ist nicht mit Urlaub gleichzusetzen. Mit Abenteuer aber schon eher. Und genau das ist es, was wir wollen und hier bekommen haben. Sich immer wieder neu orientieren zu müssen, einen Schlafplatz für die Nacht zu finden. Wo bekommen wir sauberes Trinkwasser her, wie sieht es mit der Gefahr für Malaria aus und befindet sich auch keine giftige Schlange im Gebüsch, neben welchem unser Kind gerade spielt. Irgendwie  – Abenteuer Alltag.

Egal wie aussichtslos eine Situation am Anfang auch zu sein scheint. Es gibt für alles eine Lösung! Die Ersatzteile für unseren Defender haben wir besorgen können und auch dafür gesorgt, dass das richtige Getriebeöl hineinkommt. An der Tankstelle  konnten wir gegen Bezahlung aus einem Truck ein paar Liter Diesel abzapfen. An der Größe unseres „tiny Homes“ können wir zwar nicht schrauben, aber wir lieben die Nähe zu unserem Sohn. Wie er sich trotz des begrenzten Platzangebotes quer ins Bett legt und uns an die Zeltplanen drückt. Wie er es liebt, auf den Fahrersitz zu krabbeln, dabei Motorengeräusche imitiert und so tut, als sei er der König der Straße.

Denn eines steht auf unserer Reise über allem. Und das ist das Wohl und die Gesundheit von Liam! Er krabbelt, klettert und ja, er läuft sogar schon sehr gut – und das mit nur zehn Monaten. Er freut sich wenn er einen Hund streicheln kann und dieser die Essensreste von seinen Fingerchen schleckt. Er hat kein Problem damit, wenn die Frauen im Supermarkt eine Traube um ihn bilden, ihn herzen und im Arm halten. Wenn er im Baum einen Affen entdeckt und diesem mit ausgestrecktem Zeigefinger lächelnd durch die Baumkronen folgt. Das Reisen, die frische Luft, der Kontakt zu so vielen Menschen, so viel Liebe zu erfahren, dass alles tut ihm so gut.

So haben wir doch im Grunde alles was wir brauchen. Und während wir das alles so aufschreiben fällt uns auf, wie es uns hilft die Gedanken zu sortieren und das Geschehene zu reflektieren. Alles aus einer anderen Perspektive, ein wenig objektiver zu betrachten. Wir haben neuen Mut geschöpft, freuen uns auf all das, was vor uns liegt und wissen unser Privileg, so lange reisen zu können, wirklich zu schätzen.

Also auf in neue Abenteuer!