Ein „ganz normaler“ Reisetag

Wir werden oft von Leuten zu Hause gefragt, wie denn eigentlich unser Reisetag so aussieht. Was wir für Routinen und Arbeitsteilungen haben, wie es aussieht, wenn wir zu Abend essen.

Von daher wollen wir euch heute einmal mitnehmen, einen „ganz normalen“ Reisetag mit uns zu erleben.

Kapitel 1: Der Morgen

Wir befinden uns gerade in Guatemala. Es ist kurz nach sechs Uhr Morgens, die Sonne wirft ihre ersten Strahlen durch das Moskitonetz unseres Hubdaches und wärmt zugleich die Zeltwand, an welcher ich mich, mangels Platz, wiederfinde. Rike ereilt dasselbe Schicksal auf der anderen Seite. Zwischen uns liegt Liam, quer! Die Füße auf Mamas Bauch, die Hände in Papas Gesicht. So süß das auch klingen mag, wartet ab bis der kleine Mann aufwacht.

Denn was da draußen jetzt von der Sonne erhellt wird, ist unglaublich faszinierend und muss umgehend in Augenschein genommen werden. Das Mama und Papa da im Weg liegen, ist kein wirkliches Hindernis.

Da kann man einfach draufklettern und hat so durch das Moskitonetz den besten Blick nach draußen. Guten Morgen Mama, guten Morgen Papa!

Und so grob das auch sein mag, zaubert es uns doch jeden Morgen ein Lächeln ins Gesicht. Haben wir doch einen Sohn mit einem unerschöpflichen Entdeckungsdrang und unendlicher Neugier!

Kapitel 2: Arbeitsteilung

Ich glaube wir haben rein zufällig sowas wie eine geschlechtsspezifische Rollenverteilung. Der Mann fährt und kümmert sich um das Auto. Die Frau ist für das Essen zuständig und bringt das Kind ins Bett.

Warum ich 99% der bisher 21.546 Kilometer gefahren bin, hat einen einfachen Grund. Liam ist mein Co-Pilot, er kann einfach besser Karten lesen als Rike. Ok stimmt nicht ganz.

Aber es ist wahr, er hat mit Rike den Platz getauscht. Er hat sich in zweiter Reihe viel zu einsam gefühlt und durch die abgedunkelten Scheiben viel zu wenig gesehen. Ihr wisst schon, seine unendliche Neugier.

Positiver Nebeneffekt ist, dass wir Liam besser im Blick haben – und er uns. Er weiß, er ist nicht alleine und in erster Linie Rike, kann bei Bedarf viel besser agieren, animieren und antizipieren, was unser kleiner Mann gerade braucht.

Und die dunkle Höhle, in der Rike jetzt in zweiter Reihe sitzt, ist für mich einfach viel zu klein – und DAS ist der wahre Grund, warum ich der Fahrer bin.

Aufgrund des begrenzten Platzangebotes in unserem Defender unterscheiden wir zwischen Fahr- und Campmodus. Um vom ersteren zu letzteren zu wechseln, sind einige Handgriffe nötig. Einfach eine Pause einlegen und ins Bett hüpfen ist leider nicht möglich.

Hecktür auf, Stühle raus – aufbauen, Kocher raus, Tasche raus – vorne rein, Sandblech runterklappen – Kocher daraufstellen, Bügelschlösser öffnen – Hubdach hochdrücken – zu zweit – Dach ist zu schwer / Gasdruckfedern sind zu schwach, Moskitonetz ausrollen, Sichtschutz in die Fenster, Reißverschluss öffnen – Markise ausbreiten – an Hecktür einhaken, fertig!

Klingt nach einer Menge Handgriffe, aber, dass gerade wäre auch das All-Inclusive-Programm gewesen. Die Markise zum Beispiel wird nur bei Regen oder ganz selten aufgebaut, um Liam Schatten beim Spielen zu spenden. Ähm das Kind kann jetzt laufen, versuch den kleinen Abenteurer mal davon zu überzeugen, an Ort und Stelle zu bleiben… Den Sichtschutz machen wir nur in Städten rein oder wenn wir das Auto auf Ausflügen zurücklassen.

Und was macht eigentlich Liam in dieser Zeit? Der steht mal wieder auf seinem Fahrersitz, imitiert Motorengeräusche und hat gerade herausgefunden, wie toll der Warnblinker leuchten kann.

Kapitel 3: Entspannung

Ich muss gerade über diese Überschrift lachen. Denn es gibt durchaus Tage, da entfällt dieser Punkt gänzlich.

Wer glaubt, so ein Roadtrip ist wie Urlaub, also Entspannung und Erholung pur, der kennt diese Form des Reisens vermutlich nur von Instagram. Wo einem unter dem Hashtag #vanlife – mit einem oder zwei schönen Menschen, liegend im Van, die Heckklappe geöffnet, mit Blick auf einen kalifornischen Strand – suggeriert wird, wie einfach und leicht das Reisen im eigenen Auto sei.

Klar macht es Spaß und es hat unglaublich viele Vorteile! Die Freiheit zum Beispiel. Aber es ist auch Arbeit. Der Defender muss gewartet, Routen ausgearbeitet, Schlafplätze gesucht und gefunden, Essen organisiert werden.

Fügt man diesen Aufgaben jetzt noch die Fürsorge für ein Baby hinzu, eines, welches bereits im zehnten Lebensmonat zu laufen beginnt, so wird das Ganze zu einem Full-Time-Job.

Rike kocht, ich bespaße Liam. Ich wasche ab, Rike bespaßt Liam. Liam schläft, wir besprechen seine anstehende Impfung, planen unsere Route, erledigen angefallenen Papierkram von zu Hause.

Wir haben immer etwas zu tun, sei es körperlich oder geistig. Das wir uns mal mit Liam hinlegen oder in den Campingstuhl hauen, äußerste Seltenheit.

Aber es gibt da diesen einen Moment am Tag, an dem wir abschalten können: Wenn wir fahren – und Liam schläft! Klingt irgendwie komisch und wie aus einem TV-Spot. Aber in diesem einen Moment am Tag, da gibt es nur uns selbst. Die Lautstärke des Defenders lässt ein Gespräch ohnehin nicht wirklich zu. Rike kann die Augen schliessen und ich genieße einfach nur – die „Ruhe“.

Kapitel 4: Der Abend

Wer bei Camping an Dosenravioli oder Kartoffelsalat aus der Packung denkt, weit gefehlt!

Denn fürs Essen kochen ist bisher ausnahmslos Rike zuständig. Zum Einen kann ich es einfach nicht so gut wie sie und zum Anderen ist es eine ihrer großen Leidenschaften.

Pizza oder Apfelkuchen aus dem Kochtopf? Gar kein Problem. Ob es schmeckt? Wie Sau!

Um es Rike nicht zu einfach zu machen, haben wir uns für einen

zwei-Flammen Kocher der Marke Coleman entschieden und mitten auf einer Ameisenstraße geparkt.

Stau findet niemand gut, auch keine Ameise, die in der Folge ihren Frust an meiner Frau in Form von unangenehmen Bissen ablässt. Da hilft das durchaus amüsante Herumtänzeln vor dem Kocher – welcher in Kürze durch ein lautes „Plopp“ für einen Beinahe-Herzstillstand sorgen wird – auch nur bedingt. Wir wissen nicht woran es liegt. Aber in regelmäßigen Abständen erlischt der Kocher in dieser lautstarken Form.

In der Zwischenzeit widmen sich Liam und ich seiner Spielekiste. Durch diverse Familienbesuche ist sein Sammelsurium an Spielzeugen stetig angewachsen, so dass mittlerweile schon eine eigene Kiste dafür hermusste. Wo wir die noch in unserem Auto untergebracht haben? Fragt lieber nicht.

Jedenfalls gibt es da dieses Spielzeug, wo man unterschiedlich geformte Körper (Kreis, Kreuz, Quadrat und Stern) durch die jeweils ebenso geformte Öffnung in eine kleine Box stecken kann.

Unzählige Male habe ich Liam dies bereits vorgemacht und ich möchte ehrlich gesagt gar nicht wissen, was er in diesem Moment von mir denken mag. Denn spätestens nach dem zweiten Körper verliert er mit mir die Geduld, reißt den Deckel mit den Öffnungen von der Box und haut die ganzen Körper in Windeseile in die Box. Warum so schwer, wenn’s auch einfach geht. Was – bin – ich – dumm.

Irgendwann ertönen dann die magischen Worte: Essen ist fertig.

Gegessen wird bei uns nicht, was auf den Tisch kommt. Denn wir haben seit Mexiko keinen mehr… Aus Bequemlichkeit diesen zu verstauen, ließen wir ihn für einen halbstündigen Ausflug an unserem einsamen Strandabschnitt auf der Baja California zurück. Haben wir bis dahin keine Menschenseele am Strand gesehen, so muss in genau diesen dreißig Minuten zufällig jemand mit seinem Pickup… war wohl etwas naiv von uns.

Seit November isst Liam bei uns mit, so viel er möchte. Denn neben diesen drei festen Mahlzeiten am Tag wird er noch nach Bedarf gestillt.

Ist Frühstück eher nicht so seine liebste Mahlzeit, schlägt er beim Abendessen umso doller zu. Als wüsste ich nicht wo sein Essen steht, deutet er, in seinem faltbaren Hochstuhl sitzend, vehement mit dem Zeigefinger darauf und fordert mich dadurch auf, ihm den Löffel zu reichen. Denn in den Mund stecken kann er schon alleine. Glaubt Liam zumindest. Das übers ganze Gesicht verschmierte Essen hingegen, könnte auch ein anderes Urteil zulassen.

Mit dem Pusten komme ich kaum hinterher und während sich sein Teller immer mehr leert, wird es  draußen langsam dunkel. Die ersten Moskitos ziehen um uns ihre Kreise und spätestens jetzt wird es Zeit, den lästigen Biestern das Feld zu überlassen.

Während Liam von Rike ins Reich der Träume gesungen wird, komme ich jetzt auch endlich zum Essen. Mit geöffneter Hecktür sitze ich im Auto und lausche den Geräuschen des Dschungels. Voller Vorfreude, am nächsten Morgen wieder von unserem Sonnenschein geweckt zu werden. #vanlifepunkt2!